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Engel ohne Flügelzwang

Immer mehr Deutsche glauben an die Existenz der himmlischen Boten 
Vor der bekannten Benediktinerabtei in Ottobeuren im Allgäu steht ein überlebensgroßer Engel aus Bronze. Unaufdringlich, in schlichter Schönheit wacht er rechts über der Haupttreppe auf einem zerfurchten Steinsockel. In der linken Hand hält er einen einfachen Stab, die rechte streckt er den Besuchern zum Gruß entgegen. Es ist Michael, der als Kämpfer bekannte Erzengel, der sich hier untypisch in sanfter Pose präsentiert.

Von Schlichtheit keine Spur in Innern der Basilika. Schwärme von verspielten Engelputten tummeln sich in verschwen-derischer Üppigkeit zwischen Gold und Marmor. Wie in Ottobeuren sind in den meisten Allgäuer Kirchen und Kapellen aus der Zeit des Barock und Rokoko Engel an Wänden, auf Beichtstühlen oder an historischen Gewölben selbstverständlich.  

Längst haben sich die Engel ihren Weg aus der Kirche in unser tägliches Leben gebahnt. Wie selbstverständlich begegnen sie uns heute in Regalen von Buchgeschäften, in Filmen, in Robbie-Williams-Liedern, in der modernen Kunst und als Kosewort für die Liebste. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ermittelte 1997, dass jeder dritte Deutsche an die Existenz der himmlischen Boten glaubt.  

Schutzengelfest am 2. Oktober

Nicht nur im Volksglauben, auch in allen großen Religionen vom Judentum über Hinduismus bis hin zum Buddhismus und Islam haben die Schutzengel ihren festen Platz. Die katholische Kirche feiert am 2. Oktober das Schutzengelfest. 1608 wurde das in Spanien entstandene Schutzengelfest für die ganze Kirche übernommen. Armen Durchreisenden bot man früher Essen an, wohl in der Hoffnung, irgendwann einem Engel zu begegnen: „Vergeßt nicht die Gastfreundschaft. Ohne es zu wissen, haben einige dadurch Engel beherbergt.“ (Hebräer 13,2) 

Die Bibel ist voll von Engel­erscheinungen zu allen Jahres­zeiten. Das Alte und Neue Testament erwähnt die himm­lischen Begleiter an insgesamt 350 Stellen. Vor Weihnachten etwa kündigen Engel die Ankunft des Messias an, an Ostern wälzen sie den Stein vom Grab, an Himmelfahrt weisen sie die Jünger auf ihren Auftrag hin und an Pfingsten werden selbst Winde zu Boten Gottes. Traditionell gilt der September bei den Katholiken als Schutzengelmonat. Der 29. September, der „Michaelistag“ ist dem Erzengel Michael geweiht. Wie auch das Schutzengelfest findet dieses Datum in vielen Kirchengemeinden heute wieder mehr Beachtung.  

„Spucke nur hinter dir aus, wegen der Engel…“

Mönche kennt man als trinkfest, ihre Anstandsregeln sind weniger bekannt: „Schneuze dich behutsam und spucke nur hinter dir aus, wegen der Engel, die vor dir stehen“ ist eine alte Mönchsregel. Auch der Benediktinermönch und frisch gewählte Abt von St. Bonifaz und Andechs (Kloster Andechs), Pater Johannes Eckert, vertraut auf die Hilfe der Engel. Am Schutzengelfest 2003 hat sich der 34-Jährige von Friedrich Kardinal Wetter zum Abt weihen lassen.  

„Gib deinem Schutzengel eine Chance“ mahnen Straßentafeln in Österreich zur Vorsicht. „Fahr’ nie schneller, als dein Engel fliegen kann“ – mit diesem Spruch schicken Omas ihre Kinder und Enkel auf Reisen. Über viele Jahrhunderte, vor allem im Mittelalter, verehrten Menschen Engel und Erzengel. Jedem Wochentag, jeder Jahreszeit, jeder Stunde des Tages war ein Schutzengel zugeordnet. Man glaubte, dass Engel die vier Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer beherrschten. Man akzeptierte, dass jedes Land seinen Nationen-Engel hatte. So war der Erzengel Michael der Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Im Kalender der römisch-katholischen Kirche ist der 3. Oktober den Erzengeln der „kämpfenden Mächte“, also dem Erzengel Michael zugeordnet. Der „Tag der Deutschen Einheit“ wurde - Zufall? – auf dieses Datum gelegt.  

Heute erinnern sich Menschen vor allem in Notsituationen an ihren Schutzengel. „Da hast du aber einen Schutzengel gehabt“ ist ein häufiger Ausspruch, wenn durch einen Gedankenblitz oder schnelles Handeln ein Unfall gerade noch verhindert werden konnte. Engel sind heute Heiler, Retter, Sorgenbefreier oder Glückstrainer.  

Flügelzwang für Engel?

Engel signalisieren für Menschen Schwerelosigkeit. Als Boten Gottes (griechisch „angeloi“ = Bote) bewegen sie sich unabhängig von Raum und Zeit, sind frei von Erdenschwere, sind plötzlich da und genauso schnell wieder fort. Menschen aller Zeiten berichten von Wesen, die in einem strahlenden Lichtkranz und mit Heiligenschein erscheinen. Trotz des Bilderverbots der etablierten Kirchen, darunter auch die katholische Kirche und der Islam, begannen Künstler diese Phänomene bildlich umzusetzen. So erhielten Engel etwa gegen Ende des vierten Jahrhunderts Flügel. Vermutlich wurde die geflügelte Darstellung antiker Siegesgöttinnen, der griechischen Nike oder römischen Victoria, auf Engel übertragen. In der Bibel gibt es keinen eindeutigen Hinweis auf den von der bildhaften Darstellung der Menschen auferlegten Flügelzwang. Die himmlischen Boten treten in Zivil oder in Kampfausrüstung, irdisch unscheinbar oder majestätisch umwerfend auf. Flügel gelten als Markenzeichen für Engel. Fest steht jedoch: Ob flügellos oder sechsflügelig wie die Seraphim – historisch finden sich keine Belege dafür, dass Engel für die Erfüllung ihrer Aufgaben Flügel benötigen. (er/2003)                                 

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